Stuttgarter Zeitung, 16. June 2001
ZIEHENDE WOLKEN
Götz Thieme
Flimm gewann für Bühne und Kostüme Gottfried Helnwein, der angeblich notorisch Drastik und Provokation sucht, zunächst aber ein ingeniöser Bildmacher ist. ein Maler, Grafiker und Fotograf. Das verbindet ihn mit William Hogarth, dem englischen Kupferstecher, dessen Bilderzyklen Strawinsky zur Oper inspirierten. Doch 250 Jahre später setzt Helnwein nicht bei Hogarth und seiner realistisch genauen Darstellung der Londoner Casinos, Lusthöllen und Irrenhäuser an. Helnwein arrangiert eine magische Zeitlosigkeit durch präzise
Rekostruktion konkreter Stile und zugleich fantasiegeborener Kreationen.
Selten erlebte man die plastische Wirkungskraft von Kostümen so intensiv
wie in Helnweins schiefem, nach rechts sich neigendem Kubusraum, in den zur
Linken drei Türen eingelassen sind und dessen hellweisse Flächen
immer wieder Bildprojektionen dienen, Kostüme und Bilder sind von ausgesuchtem
Antipsychologismus, von entwaffnend stereotyper Symbolik, so wie Audens und
Kallmans Text, wie Strawinskys Musik...Helnwein arrangiert eine magische
Zeitlosigkeit durch präzise Rekostruktion
konkreter Stile und zugleich fantasiegeborener Kreationen. Selten erlebt man
die plastische Wirkungskraft von Kostümen so intensiv wie in Helnweins
schiefem, nach rechts sich neigendem Kubusraum, in den zur Linken drei Türen
eingelassen sind und dessen hellweisse Flächen immer wieder Bildprojektionen
dienen, Kostüme und Bilder sind von ausgesuchtem Antipsychologismus, von
entwaffnend stereotyper Symbolik, so wie Audens und Kallmans Text, wie Strawinskys
Musik.
Ihnen gemeinsam ist die Kunstfertigkeit im Mikrokosmos. Nick Shadow, der Teufel,
dem die Seele des Tom Rakewell für allerlei Reichtümer und Lustbefriedigungen
nach einem Jahr zufallen soll, erscheint im eleganten magisch-roten Seidenanzug,
die Füße umwehen Rauchschwaden, die auch stets sachte aus den Koffern
dämpfeln, die er mit sich führt; Anne Truelove, Toms Braut, die dieser
Tom schnell in London vergisst, ist zwischen Tulpen eine Unschuld vom Lande,
eine hellblondes Provinzgretchen mit Schleife im Haar; ihr unförmig fetter
Vater - der wunderbare Carl Schultz, seit 37 Jahren Ensemblemitglied - tapst
in einem Knickerbockeranzug dem Unglück seiner Tochter hinterdrein. Tom
selbst, der ziel - und haltlose Weissnichtwarum , wandelt sich vom Gärtner
zum Dandy. Er erinnert mit seinem zippeligen Bärtchen ein wenig an den
"Alice in Wonderland" - Dichter Lewis Caroll. In der Stadt gerät
Tom in eine Traumgesellschaft, begegnet Frauen in Rokokokrinolinen, ihren Glatzköpfigen
Galanen in roter Lederkluft - überbreit ihre Schultern wie bei Rugbyspielern,
den Baseballschläger parat - , er trifft auf Mother Goose (Renate Spingler),
der ein grinsender Gänsekopf auf dem Haupte sitzt, und er heiratet dir
Jahrmarktsattraktion Baba the Turk, die Feau mit dem langen Bart (Julia Juon
mit Wagnerkraft in der Stimme).
Toms weg führt nicht zu Anne zurück. Der Teufel reizt seine Macht
mit einer Letzten Kartenwette aus - und unterliegt Tom. Der kommt trotzdem
nicht davon.
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