Die Zeit, 09. May 1990
TRÄNEN FÜR DIE REVOLUTION
Johann Kresnik inszeniert ein schrilles Requiem auf die DDR
Rolf Michaelis
Alles wild durcheinander. Neunzig pausenlose Minuten einer Revue. Und doch
ist hinter allem Lärm der Ton einer großen Klage zu hören. Lauter
Grimassen, um Tränen zu verbergen.
Im Kleinen Haus des Staatstheaters Stuttgart inszeniert der Erfinder des "Choreographischen
Theaters", der Österreicher Johann Kresnik, das Drama in zwei Akten
von Peter Weiss aus dem Jahr 1963. "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul
Marats dergestellt durch die Schauspielgruppe der Hospizes zu Charenton unter
Anleitung des Herrn de Sade," als Spektakel. Das Lehrspiel von der Revolution,
das andere Regisseure in drei oder vier Stunden enfalten, aus dem Peter Brook
erst eine große Inszenierung, dann einen abendfüllenden Film gemacht
hat, rast in Stuttgart in anderthalb Stunden vorbei - und dabei hat Kresnik noch
Zeit für seinen Kurzfilm und für Gesangseinlangen von gewollter Geschmacklosigkeit.
Schockierend schon das Plakat, das der für Bühnenbild und Kostüme
verantwortliche, als Maler im photorealistischen Stil bekannt gewordene Wiener
Gottfried Helnwein entworfen hat: das ins Grobe vergrößerte Presse-Photo
des in einer Blutlache liegende Kopfes von Oskar Lafontaine. Rot eingeblendet
die Schreck-Meldung: "Das Attentat".
Ja, geht es im Stück von Peter Weiss nicht um das Attentat, das die junge
Charlotte Corday am 13. Juli 1793 auf den jakobinischen Führer der Revolution,
Marat, verübt hat? Und hat sie sich nicht kurz vor dem Anschlag "ein
Küchenmesse" gekauft, wie die Frau des Jahres 1990? Die assoziationswütigen
Österreicher Helnwein und Kresnik haben schon für ihren "Macbeth"
(Heidelberg, 1988) den machtbesessenen Politiker Shakespeares in einer Badewanne
sterben lassen - und dafür mit dem Presse-Photo des toten Uwe Barschel
im Genfer Hotel auf dem Plakat geworden.
Woran denken Helnwein/Kresnik, nach dem 9. November 1989, wenn sie bei Peter
Weiss solche Sätze lesen? "Mit der Ruhlosigkeit der Gedanken / läßt
sich keine Mauer durchbrechen. / Wir sind die Erfinder der Revolution / doch
wir können noch nicht damit umgehn. / Siehst du den Irsinn dieser Vaterlandsliebe
. . . / Ich pfeife auf diese Nation / so wie ich auf alle anderen Nationen pfeife
. . . / Ich pfeife auf diese Bewegung von Massen / die im Kreis laufen . . .
/ Es heißt jetzt / die Arbeiter hätten bald höhere Löhne
zu erwarten . . . / weil mit einer gesteigerten Produktion gerechnet wird / und
folglich mit größerem Umsatz . . . / Laßt euch nicht täuschen
/ wenn unsere Revolution erstickt worden ist ' und es euch scheint / euer Wohlstand
stände vor der Tür . . . / Unser Land ist in Gefahr . . . / Schieber,
die uns abwürdigen wollen / und sich schon um die Verteilung der Beute
streiten."
Klingen diese Knittelverse nicht wie aktuelle Kommentare zur Lage der DDR
vor der Einigung? Wie in seinem neuen Stück für das Bremer Tanztheater,
"Ulrike Meinhof", das in diesem Tagen beim Berliner Theatertreffen
zu sehen ist, geht es Kresnik, bei aller Gewalttätigkeit auf der Bühne,
weniger um Revolution als um Trauer. Kein Optimist des Fortschritts sitzt am
Regiepult, sondern ein Pessimist, der auf all die verpaßten Möglichkeiten
schaut.
Da Kresnik ein vulkanisches Temperament ist, vergräbt er sich nicht in elegische
Trübsal, sondern inszeniert seinen Schmerz als Nachruf auf die verspielten
Chancen eines menschlichen, eines demokratischen Sozialismus in Europa, als Requiem
auf die DDR, bis hin zu den aus der schwarzrotgoldenen Fahne mit dem Mord-Messer
geschnittenen Symbolen von Hammer und Zirkel, bis hin zu der höhnisch krakeelten
DDR-Hymne des Dichters Johannes R. Becher: "Auferstanden aus Ruinen."
Kresnik ist ein Wütender und ein Leidender: Er kann die Toten nicht vergessen,
die auf dem Weg in eine besere Welt liegen. Deshalb beginnt die Inszenierung
in Stuttgart - nach der Beschwörung der Ulrike Meinhof in Bremen (ZEIT
vom 23.2.1990) - mit einer Erinnerung an die Stammheimer Toten vom 18. Oktober
1977: Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe in einem kurzen Film.
Die "Helden" einer neuen Generation in restaurativer Zeit, die Tennis-Stars
"Boris" und "Steffi", werden von Familie, Freunden, Managern
in einem Nobelhotel abgeholt. Nach Küßchen, Küßchen fährt
die Gesellschaft in den Luxus-Limousinen, die in Stuttgart gebaut werden, zum
"Frühlingsfest" auf dem Canstatter Wasen. "Boris" pinkelt
in einen Gully am Rasenrand, ehe die Party auf dem Friedhof weitergeht.
An
der Grabplatte der Toten werden drei Kerzen entzündet - und ehe der höhnische
Kurzfilm endet, fliegt eine rote Nelke auf das Grab, Kresnik travestiert den
Film, mit dem Claus Peymann 1975, da lebten die drei in Stammheim noch, seine
Inszenierung des Revolutions-Stücks von Albert
Camus "Die Gerechten", beendet hat: Eine Straßenbahn fuhr zu
Mozert-Musik aus dem Talkessel hinauf zur Festung mit dem Hochsicherheitstrakt.
Damals ein Skandal, heute ein brutaler Witz. Immerhin haben wir die jugendlichen
Hauptdarsteller kennengelernt, die ihren Vorbildern mit dem Tennis-Schläger
erstaunlich ähneln: Yvonne Devrient als Charlotte Corday, die Marat nicht
mit dem Dolch umbringt, den sie neben dem Blumenstrauß hält, sondern
zwischen bloßen Schenkeln in einem mörderischen Liebesakt; Ben Becker
als erotomaner Duperret, der vom Revoluzzertum genug hat und Pfeile mit schwarzen
Wimpeln in die schräge Bühnenwand schießt.
Schräg ist alles an Helnweins Bühne: ein gekipptes, ein irres Haus,
ein schiefes Irrenhaus als Raum unseres Lebens. Die Bühne ist, von rechts
nach links, im Winkel von 26 Grad geneigt. Aud dieser Rutschbahn, die von Krankenpflegern
gewässert wird, wenn sie mit Feuerschläuchen die erhitzten Kranken
kühlen, findet Leben statt: Man robbt nach oben, schlittert nach untern.
Auch die beiden klinikweißen Wände dieses Saales stehen nicht im rechten
Winkel. Sie knicken weg mit ihren je drei blinden Fenstern übereinander.
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