Frankfurter Rundschau, 01. December 2001

LETZTE TAGE EINER DIVA

Gottfried Helnwein über Marlene Dietrich
Roland Mischke

"Sogar Marlenes Stimme klang einsam"

Am Ende ihres Lebens schloss sich Marlene Dietrich von der Welt aus. Zu den sieben Freunden, die sie in ihrer Pariser Wohnung besuchen durften, gehörten der Maler Gottfried Helnwein und seine Frau Renate. Sie erzählen von ihrer Freundschaft zu der Diva, die am 27. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre.

Zehn Tage vor ihrem Tod am 6. Mai 1992 rief sie an. Ihre Stimme war anders als zuvor, schleppend, ohne jede Vitalität. Sie konnte nicht mehr richtig artikulieren, hatte wohl einen Schlaganfall erlitten. Aber sie gab nur zu, unpässlich zu sein. Man konnte nicht alles verstehen, weil sie zeitweise lallte. Das Gespräch dauerte vielleicht eine Stunde, und plötzlich wurde klar, dass da jemand Abschied nimmt. Wir haben dann versucht, einige entscheidende Informationen zu erhalten. Wer ist bei Ihnen? "Niemand", sagte sie. Kommt Ihre Tochter? Darauf vermied Marlene eine Antwort, es war eine Weile Schweigen in der Leitung. In diesem Augenblick begriffen wir das Ausmaß der Enttäuschung über eine unerwiderte Liebe. Die Tochter kam auch erst zwei Tage nach dem Tod der Mutter nach Paris. Immerhin soll Marlenes Enkel in der Todesstunde bei ihr gewesen sein. Weil sie auf keinen Fall ins Krankenhaus, kein Pflegefall und nicht an den medizinischen Maschinenpark ausgeliefert sein wollte, boten wir ihr an, nach Paris zu kommen. Doch sie ging nicht darauf ein.
Sie wollte bis zum Schluss die seltsame Schönheit bleiben, zu der sie sich zeitlebens stilisierte, wollte als Kunstwerk respektiert werden. Sie war nicht nur eine Frau, sie war das Bild der Frau. Eine mythische Figur mit unirdischem Eros, eine Ikone, eine Göttin. Dass wir sie respektiert haben, hat uns Marlene so nahe gebracht. Sie hat gespürt, dass wir fasziniert waren von ihrem Mythos. Es gab da auch das Verständnis auf künstlerischer Ebene.

Wenn wir bei ihr waren, haben wir sie kein einziges Mal gesehen. Obwohl wir nur ein paar Meter von ihr entfernt im Wohnzimmer saßen, während sie in ihrem Schlafzimmer im Bett residierte. Diese Nähe, ohne einander in die Augen zu schauen, hat uns ein fantastisches Verhältnis beschert. Wir konnten über alles sprechen, Marlene war sehr interessiert an unseren Lebensumständen und den Kindern. Sie wollte Fotos von der ganzen Familie, schrieb ständig Briefe. Einmal hatte sie ein Foto verlegt, fand es nicht wieder - sie ließ nicht locker, bis wir es noch mal schickten.

 

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