Kölner Stadt Anzeiger, 10. October 1996

EIN MÄDCHENKOPF FÜR SANKT PETERSBURG
Peter Ludwig schenkte Museum Helnwein-Bilder
Lothar Deeg

"Anna aus, ich glaube, Kiel", war die unübersehbare Hauptfigur bei der Eröffnung der Ausstellung des österreichischen Malers Gottfried Helnwein im Russischen Museum in Sankt Petersburg.

Wenn Kunst aus dem Westen den Weg nach Russland findet - um dort zu bleiben -, stehen zwei den Petersburgern inzwischen wohlbekannte Namen dahinter: Irene und Peter Ludwig, die dem Russischen Museum wieder eine Schenkung gemacht haben. Sie ist nicht so umfangreich wie 1995, als mit der Übergabe von zunächst 33 Werken berühmter Künstler aus den vergangenen zwei Jahrzehnten der Grundstock für die als globale kunsthistorische Lehrschau konzipierte "Sammlung Ludwig im Russischen Museum" gelegt wurde. Diesmal handelt es sich nur um drei Bilder.

Keine Errinnerung

Doch war das Geschenk immer noch so gross, dass es in den Räumen der Ludwig-Stiftung im Marmorpalast nicht unterzubringen war: Sechs Meter hoch und vier Meter breit ist das Porträt der verträumten neunjährigen Anna, an deren Heimatstadt sich Helnwein nicht mehr erinnern konnte. Oder nicht erinnern wollte, denn das Bild "Kindskopf", das einen unbekannten, hübschen, sehr jungen Menschen zeigt, steht stellvertretend für alle Kinder, die noch ein ganzes Leben vor sich haben. Mit jeder seiner exakt gezeichneten Hautporen und jeder Wimper ist dieses Kind Subjekt - und nicht nur einfach Objekt für einen Maler, der Gigantismus mit Detailversessenheit kombiniert.
"Menschlichkeit im Riesenmass", interpretierte Ludwig das Bild.

Kinder als Thema seiner Arbeit haben es Helnwein schon immer angetan - trotz des Selbstpoträts mit Wundhaken in den Augen, einer Horrorvision, die als allgegenwärtiges Jugendzimmer-Poster und Scorpions-Plattencover Karriere machte. Mit Begeisterung berichtet er von seinen Erlebnissen im Russischen Museum bei einem früheren Petersburg-Besuch: Lehrerinnen hätten den andächtig zuhörenden Kinderscharen voll Hingabe ein Kunstwerk nach dem anderen erklärt, woraufhin die Kinder die Gemälde "mit Inbrunst" betrachteten.
"Unvorstellbar bei uns im Westen, dort wären die Kinder nach dem zweiten Bild genervt", wandte sich Helnwein an seine russischen Premierengäste. Im Spät-sommer möchte er deshalb nach St. Petersburg zurueckkommen und "die schönsten Kindergesichter, die ich je gesehen habe", in einer grossangelegten Aktion zunaechst fotografisch durchporträtieren.

 

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