Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 13. February 1983
EIN AUFSCHREI GEGEN DIE SCHMERZEN DER WELT
Die Kunst von Gottfried Helnwein - Erfolg und Kritik
Erika Brenken
Seine Skandale haben auch immer seinen Ruhm vermehrt. Der Wiener Künstler
Gottfried Helnwein, zur Zeit wieder mit einer Ausstellung und einem Buch zwischen
die Fronten geraten, schafft Freund und Feind, daß dagegen ein Joseph Beuys,
an dessen Kunst sich die Emotionen auch nicht wenig aufladen, vor Neid erblassen
müßte. Helnwein erzählt gerne, daß einmal ein Gegner seiner
makabren Kunst mit dem Messer auf ihn losging. Genauso gern wrid in den Helnwein-Büchern
aber auch ein Satz seines Freundes Wolfgang Bauer zitiert: "Das ist Kunst
für die Ewigkeit."
Berühmt-berüchtigt wurde im vergangenen Jahr sein Cover zu der Schallplatte
"Blackout" von den "Skorpions" . Ein bandagierter Männerkopf
, die Augen schrecklich von Operationsklammern verklemmt. Der Mund des Mannes
aufgerissen zu einem wahnsinnigen Schrei. Ein Schrei, der Glas zerspringen
läßt. Denn um das enstellte Gesicht fliegen spitze Scherben.
Die erschreckende Power dieser Darstellung ist eine Zumutung. Und genau das
will sie sein. "Malerei muß sein we Rock-musik".
Die Provokationen des 34jährigen Künstlers sind subversiv und klammheimlich.
Sie packen den entsetzten Betrachter eben da an, wo die antrainierten Verdrängungsmechanismen
sonst so gut funktionieren.
Das wird am deutlichsten bei Helnweins Kinderbildern. Zarte pastellfarbene
Zeichnungen, die zum Horrortrip für den Betrachter werden. Die sanften Kindergesichter
sind durch Verletzungen furchtbar entstellt. Hasenscharten, Narben, Wundmale,
Klammern, Kanülen, Bandagen.
Der Anblick ist kaum auszuhalten. Aber was bedeutet das schon gegen die täglich
von vielen tausend Kindern erlittenen Schmerzen, Qualen und Folterungen?
Ein künstlerischer Aufschrei geen die Schmerzen der Welt.
Helnwein denunziert nicht die Kinder - das häufigste Missverständnis,
mit dem man sich gegen seine Kunst wehrt - sondern unsere Neigung, vor dem
Leiden die Augen zu verschliessen.
Der Künstler entlarvt das Bedürfnis nach heiler Welt (oft nur eine
Form von Abgestumpftheit) als unmoralisch, als Angst vor der Realität
.
Ein Moralist mit sadistischen Mitteln.
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http://www.helnwein.com/presse/selected_articles/artikel_248.html