Die Zeit, 19. February 1988
DIE KIELER AFFÄRE - IN MÖRDERISCHEN TÄNZEN
Choreographisches Theater in Heidelberg. "Macbeth" von Johann Kresnik
und Gottfried Helnwein
Rolf Michaelis
Die andere, die "öffentliche" Seite familiärer Dramen - die
politische - ist in gleichnishaft archetypischer Kraft noch nie so kraftvoll,
ja brutal hervorgetreten. Dies ist nicht zuletzt dem durch seine Bilder in photographischem
Realismus, vor allem durch seine an Folter-Aufnahmen erinnernder Selbstbildnisse
bekannt gewordenen Wiener Maler und Graphiker Gottfried Helnwein zu danken. Helnweins
erste Arbeit für das Theater prägt diesen "Macbeth"
und hat ganz offensichtlich den Choreographen zu neuen, kühnen Tänzen
angeregt. Ja, aber darf man das, mit einem bereits historischen Bild wie dem
toten Politiker in der Badewanne auf dem Theater "spielen"? Diese
Frage wird laut im unterdrückten, entsetzten Stöhnen, als die Besucher
erkennen, welcher Aufruf zum Nachdenken ihnen in den letzten Minuten eines
scheinbar in Shakespeare-Ferne angesiedelten Polit-Dramas mitgegeben wird.
Kresnik und Helnwein "spielen" nicht mit einer gerade aktuellen Bild-Assoziation.
Für ihr Drama vom Kampf um die Macht, das sich in mörderischen Tänzen
entfaltet, ist der Schluss überraschend sanft, nicht ohne Zärtlichkeit.
Wie blickt Shakespeare auf das Ende seines Helden? "Macduff kommt mit
Macbeth Kopf auf einer Stange."
. . .Doch gelingt es Kresnik und Helnwein uns mit einer grausigen Mord-Ballade
zu fesseln, die mit höhnischem Gelächter vor unseren Augen vorbeirast
- wobei der schon dem Tod geweihte neue Herrscher statt der Krone eine zwar goldene,
aber noch Narren-Kappe wie eine Tiara trägt.
Sieger, so die Botschaft, gibt es im tödlich närrischen Kampf um
die Macht nicht.
Sieger in Heidelberg sind, in einer glanzvoll wüsten Inszenierung: Gottfried
Helnwein, Johann Kresnik und das mitreißend auftrumpfende Ensemble von
siebzehn Tänzerinnen und Tänzern.
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