Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. April 1987
DER KÜNSTLER ALS MÄRTYRER
Die suggestiven Bildmontagen Gottfried Helnweins
Peter Gorsen
In Wirklichkeit ist Helnwein kaum einzuordnen. Bei ihm findet sich ebenso
ein kleinmeisterliches Werk skurril-phantastischer Zeichnungen in der Nachfolge
von Redon und Kubin. Meist vergessen wird auch sein Engagement gegen autoritäre
Erziehung, Wettrüsten, Verschmutzung der Umwelt und Psychiatrie. Helnwein
hat die Motive und Formen der Populärkultur in teils karikierender, teils
grotesk verfremdender Absicht verwendet. Sein penetranter Hypernaturalismus beunruhigt,
grenzt an ironische Übertreibung. Die Brecht-Benjaminsche Maxime
"Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue"
hat bereits seine Anfänge in den frühen siebziger Jahren bestimmt.
So wurde für ihn das grenzüberschreitende Arbeiten mit Mitteln ebenso
der Fotografie, Comic strips, Science-fiction wie der realistischen Malerei eine
selbstverständliche Konsequenz.
Helnwein hat den "ruhig theatralischen" Verzückungsgestus seines
Selbstbildnisses mit der heroischen Haltung der leidenden Sebastians-Figur verglichen
und beides zum Stigma des Künstlers im 20. Jahrhundert, einer quasi religiösen
Erlöserfigur, verallgemeinert. Sein poetischer Bildtitel bringt den Betrachter
zusätzlich auf die richtige Spur. Die optische Montage des modernen Künstlers
als Schmerzensmann mit dem Landschaftsbild Friedrichs projiziert die gescheiterte
Hoffnung der romantischen Rebellion auf die Gegenwart, auf das verinnerlichte,
masochistisch gewordene Protestdenken der Moderne und ihre ästhetischen
Grenzüberschreitungen. Kehrt die Romantik wieder? Nein, sie hat die Moderne
in Wahrheit nie verlassen. Doch verengt und verinnerlicht sich ihre Rebellion
in den irrationalen "Körpermetaphysiken" der zeitgenössischen
Künstler auf das eigene Fleisch und Blut.
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