profil, Wien, 31. May 1999
DASS DIE GESELLSCHAFT DIE KUNST FÜRCHTET
Horst Christoph
Interview. Gottfried Helnwein über seine späte Entdeckung der Renaissance
und den Performance-Künstler Muhammad Ali.
Helnwein:
"Mich hat der ganze Kulturbetrieb nicht interessiert.
Mich haben von Kind an Comics interessiert und Musik, die Rolling Stones und
Jimi Hendrix, und ich habe mir immer gesagt, so müsste man auch malen
können. Ich habe natürlich am Anfang Bilder gemacht, die ausgestellt
werden sollten, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, das kann's nicht
sein."
profil:
Sie sind Anfang der siebziger Jahre mit dem Satz zitiert worden "Ich habe
von Walt Disney mehr gelernt als Leonardo da Vinci". Ein damals provokantes
Statement für einene Absolventen der ehrwürdigen Wiener Akademie
der bildenden Künste am Schillplatz. Unterschreiben Sie den Satz heute
noch?
Helnwein:
Er stimmt nur noch zum Teil. Ich sehe die Dinge heute viel differenzierter.
profil:
Es ging um die Grenzen zwischen E- und U-Kunst, zwischen sogenannter ernster
und sogenannter Unterhaltungskunst, die Sie strikt ablehnten?
Helnwein:
Das hat für mich mehr denn je Gültigkeit.
Alles, was ich inzwischen erlebt habe, bestätigt, dass diese Unterscheidung
willkürlich und falsch ist.
Es gab da inzwischen im Museum of Modern Art in New York diese Ausstellung "High
and Low". Da sind die Kunstexperten von ihrem Olymp heruntergestiegen
und haben die Comics genauso Ernst genommen wie die Kultbilder, zu denen sie
Roy Lichtenstein aufgeblasen hat. Der "Witzezeichner" Robert Crumb
wurde plötzlich als grosser Künstler entdeckt, dessen Arbeiten heute
immense Preise erzielen. Oder nehmen Sie den Grenzgänger Oliviero Toscani
mit seinen Benetton-Plakaten - das ist aufregender als vieles, was in den grossen
Museen hängt.
profil:
Was hat Sie selbst zur U-Kunst oder Low-art gebracht?
Helnwein:
Mich hat der ganze Kulturbetrieb nicht interessiert.
Mich haben von Kind an Comics interessiert und Musik, die Rolling Stones und
Jimi Hendrix, und ich habe mir immer gesagt, so müsste man auch malen
können.
Ich habe natürlich am Anfang Bilder gemacht, und die sollten ausgestellt
werden, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, das kann's nicht sein.
Und dann kam diese Idee, ein Cover zu machen, für Profil. Das war für
mich so eine Sternstunde. Ich habe gedacht, das ist phantastisch, da liegt
mein Bild in jeder Trafik (=Kiosk) und jeder, der dort mit fadem Auge seine
Zigaretten kauft, muss wenigstens kurz draufschaun.
Ich habe das als eine Ausstellung gesehen, die in ganz Österreich läuft.
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